Multiple Sklerose

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems (ZNS). Hierbei richtet der Körper sein Abwehrsystem (Immunsystem) gegen sich selbst (Autoimmunerkrankung), sodass die Nerven des Gehirns und des Rückenmarks angegriffen werden. Normalerweise senden diese Nerven Signale in Form von elektrischen Impulsen an den Körper weiter, um Bewegungen und Empfindungen zu steuern. Dieser Vorgang wird auch als Erregungsleitung bezeichnet. Die Nervenfasern sind von einer schützenden, isolierenden Hülle, dem Myelin, ummantelt. Diese weist in regelmäßigen Abständen Unterbrechungen, die so genannten Schnürringe, auf. Bei einer intakten Erregungsleitung springen die elektrischen Impulse von einem Schnürring zum nächsten, sodass die Botschaften über den Nerv sehr schnell und effizient übertragen werden können. 



Aufbau von Nervenzellen
Quelle: modifiziert nach Friedrich, D. (2008). Multiple Sklerose – das Leben meistern. Stuttgart: TRIAS

Bei der MS kommt es zu Entzündungsreaktionen, bei denen körpereigene Immunzellen die Myelinscheide angreifen und abbauen, ein Vorgang, der als Demyelinisierung oder Entmarkung bezeichnet wird. In Folge dessen sind die „nackten“ Nervenfasern nicht mehr in der Lage, die schnelle Erregungsleitung sicherzustellen, da die elektrischen Impulse nicht mehr von Schnürring zu Schnürring springen können. Neben der Myelinscheide können auch die Myelin produzierenden Zellen, die Oligodendrozyten, von den Immunzellen angegriffen und zerstört werden. Geht die Entzündung zurück, kann das Myelin wieder aufgebaut werden. Allerdings ist die neue Schicht dann dünner als vorher.

Intakte und gestörte Erregungsweiterleitung
Quelle: modifiziert nach Friedrich, D. (2008). Multiple Sklerose – das Leben meistern. Stuttgart: TRIAS

Im Verlauf der MS können nicht nur das Myelin, sondern auch die eigentlichen Nervenzellen angegriffen werden. Werden diese funktionsunfähig, entstehen dauerhaft anhaltende neurologische Symptome. Außerdem verändert sich das Stützgewebe, das zwischen den einzelnen Nerven liegt. In diesem Gewebe befinden sich die so genannten Astrozyten, die mit dünnen Zellfortsätzen miteinander verbunden sind und auf diese Weise das Nervengewebe stützen. Bei der MS bilden diese Zellen immer mehr Fortsätze, sodass sich das Gewebe um den Nerven verhärtet. Diese Bereiche werden auch als Plaques bezeichnet. Sie können dazu führen, dass sich die Signalweiterleitung der Nervenzellen verändert, verlangsamt oder sogar unterbunden wird. Auf diese Weise entstehen die charakteristischen Symptome der MS.

Die genaue Ursache der MS ist bisher unklar. Die meisten der derzeitigen Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass es sich um eine durch das Immunsystem vermittelte Erkrankung handelt. Vor allem die positiven Wirkungen auf den Krankheitsverlauf von Therapien, die das Immunsystem beeinflussen oder unterdrücken, unterstützen diese Hypothese. Schon lange wird ein Zusammenhang zwischen körperfremden Organismen und Krankheitserregern wie beispielsweise Bakterien oder Viren und der MS-Erkrankung vermutet. Aber auch ein genetischer Defekt oder eine Kombination aus beidem könnte die Ursache der Krankheit sein. Eventuell spielen auch weitere Umweltfaktoren eine Rolle.

Was sind die Symptome der MS?

Die Symptome der MS sind unvorhersehbar und von Mensch zu Mensch verschieden. Sie hängen vom betroffenen Bereich des Nervensystems ab, von der Größe und Anzahl der Läsionen (Entzündungsherde) und vom Schweregrad der Nervenschädigung. Da sich diese Faktoren bei jedem Menschen mit MS stark unterscheiden können, sind auch die Symptome häufig von Person zu Person sehr verschieden – und können sich im Laufe der Erkrankung ändern.

Es gibt eine Vielzahl möglicher Symptome, die sich in mehrere Gruppen einteilen lassen:

  • Körperliche Symptome: Körperliche Symptome entstehen, wenn die Läsionen Nerven betreffen, die mit körperlichen Funktionen in Verbindung stehen, wie beispielsweise Sehstörungen (häufig nur auf einem Auge), Gleichgewichts- oder Koordinationsstörungen, Müdigkeit, Muskelsteifigkeit oder unkontrollierte Bewegungen
  • Sensorische Symptome: Unter sensorischen Symptomen versteht man z.B. Empfindungsstörungen, Taubheitsgefühl oder Kribbeln („Ameisenlaufen“)
  • Kognitive Symptome: Symptome, die das Denken betreffen, wie zum Beispiel Gedächtnisstörungen, Störungen des Urteilsvermögens oder Gefühls- und Verhaltensveränderungen.

Bei den meisten Menschen treten nur ein paar dieser MS-bedingten Symptome auf – es ist sehr unwahrscheinlich, dass bei einer Person alle Symptome vorkommen. Außerdem können sie sich im Laufe der Zeit verändern. So kann ein bestimmtes Symptom zum Beispiel nur ein einziges Mal auftreten, während andere länger anhalten können oder sich vielleicht sogar verschlimmern.

Dazu kommt, dass sich die Symptome bei jedem anders auswirken können: Bei manchen Menschen nehmen sie langsam weiter zu, bei anderen kommen und gehen sie. Zeiträume, in denen die MS-bedingten Symptome sich verschlimmern, werden als Schübe bezeichnet; Zeiträume, in denen sie teilweise oder komplett abklingen, als Remission.

Die verschiedenen Formen der MS

Klinisch isoliertes Syndrom (KIS oder engl. CIS)

Beim klinisch isolierten Syndrom kann es sich um das Anfangsstadium der MS handeln. Kennzeichnend für das KIS ist es, dass sich in diesem Fall die ersten neurologischen Erscheinungen auf ein bestimmtes Gebiet, beispielsweise den Sehnerven, beschränken. Dieses Symptom muss auf eine MS hindeuten und gleichzeitig müssen in einer Magnetresonanztomographie (MRT) Anhaltspunkte für MS gefunden werden. Auch wenn durch das Auftreten eines klinisch isolierten Syndroms die spätere Diagnose MS noch nicht sicher ist, tritt bei etwa einem Drittel der Betroffenen innerhalb eines Jahres ein zweiter Krankheitsschub auf.

Die Verlaufsformen der MS
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologe. DGN / KKNMS Leitlinie zur Diagnose und Therapie der Multiple Sklerose. Online Version 08/2013

Schubförmig remittierende MS (engl. Relapsing Remitting MS; RRMS)

Bei etwa 80% der Menschen mit MS wird eine schubförmige Form der MS, die schubförmig remittierende MS diagnostiziert. Bei dieser Form der MS treten in unregelmäßigen Abständen Symptome der Erkrankung auf, was als Schub bezeichnet wird. Dieser Schub kann einige Tage bis zu wenigen Wochen andauern. Zwischen den einzelnen Schüben kann es zur teilweisen oder kompletten Remission kommen. In einigen Fällen verschlechtert sich der Gesamtheitszustand mit jedem Schub dauerhaft, bleibt jedoch zwischen den Schüben stabil. Diese Form der MS wird als fortschreitende schubförmig remittierende MS bezeichnet. Bei etwa der Hälfte der Erkrankten geht die MS im Laufe der Zeit von der schubförmigen Form in die sekundär progrediente Form über.

Sekundär progrediente MS (SPMS)

Etwa die Hälfte der Personen mit einer schubförmigen MS entwickelte mit der Zeit eine sekundär progrediente MS. In diesen Fällen verschlechtern sich die MS-bedingten Symptome und neurologischen Ausfallserscheinungen. Bei einigen Betroffenen treten anfangs noch einzelne Schübe auf, nach denen sich die körperliche Behinderung wieder etwas zurückbildet. Im weiteren Verlauf der Erkrankung gibt es gar keine Perioden der Remission mehr und die Behinderung schreitet dauerhaft voran. Es können weiterhin einzelne Schübe auftreten, das Fortschreiten kann aber auch ohne erkennbare Schübe erfolgen.

Primär progrediente MS (PPMS)

Weniger häufig ist die primär chronisch progrediente MS, die bei zirka 10% der Betroffenen vorkommt. Bei dieser Form treten die Symptome nicht in Schüben auf, sondern bleiben von Anfang an für einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr bestehen und verschlechtern sich zunehmend. Es kommen keine Phasen der Remission vor, es zeigt sich höchstens ein kurzfristiger Stillstand der Zunahme der Beschwerden. Nur in sehr wenigen Fällen dieser MS-Form kommt es zu Schüben, die auf den chronischen Verlauf aufgesetzt sind und nach denen die Symptome wieder etwas weniger werden.

Wie häufig ist MS?

Multiple Sklerose tritt weltweit bei etwa 2,5 Millionen Menschen auf, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. MS kann in jedem Alter auftreten, die häufigsten Erstdiagnosen werden allerdings bei Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gestellt.

Mit MS leben

Mit MS zu leben kann eine Herausforderung sein. Fortschritte in der medizinischen Forschung und neue Therapiemöglichkeiten in Kombination mit einem besseren Verständnis der Erkrankung haben geholfen, die Lebensqualität der Menschen mit MS zu verbessern.

Obwohl es sich bei MS um eine chronische Erkrankung handelt, ist die Lebenserwartung aufgrund der verbesserten medizinischen Versorgung nicht oder nur unwesentlich geringer als normal.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zu MS finden Sie auf der folgenden Seite: Österreichische MS Gesellschaft: www.oemsg.at